Der Verein Gundermanns Seilschaft traf sich am Wochenende in Hoyerswerda und plante für das nächste Jahr. Hoyerswerda. Ein Baggerfahrer als Liederpoet? Frei heraus, wachrüttelnd, unbequem? "Gerhard Gundermann interessierte mich. Ich las in Berlin Anfang der 90er Jahre in der Zeitung über ihn", erzählt Johan Meijer, Programmierer und Liedermacher aus Amersfoort (Niederlande). Gundermann hat er nie getroffen. Dafür verinnerlicht er seit 2000 immer tiefer dessen Musik. Zum Jahrestreffen des Vereins Gundermanns Seilschaft e. V. am Wochenende traf er viele Mitglieder wieder.
"Gundermanns Musik, seine Texte haben mich ergriffen", erzählt Johan Meijer. "Es war die Melancholie, der Humor, diese Echtheit. Er traf die Gefühle der Menschen im Osten. Er schuf aus vielen Quellen - aus folkloristischen Elementen, Rock´n Roll, der Arbeiterlied-Bewegung." Mit seiner Partnerin Diete Oudesluijs übersetzt Johan Mejer heute Gundermanns Texte ins Niederländische. 2004 spielten sie eine erste CD mit drei Songs ein. Mitte 2005 erschien sie. 2008 kam die CD "Hondsdraf" (Gundermann) mit 17 Songs des Hoyerswerdaer Liedermachers in Niederländisch heraus.
Seit 1999 besteht der Verein. Er hält Gundermanns Lieder und Gedanken wach. Er will Austauschforum sein, offen für Interessierte. Rund 80 Mitstreiter gehören ihm an. Weit über Hoyerswerda hinaus fasziniert Gundermanns Musik. "In Tübingen gibt es eine erstaunlich große Fangemeinde. In Frankfurt / Oder taucht Gundermann in einem Schulbuch auf", sagt die neue Vereinsvorsitzende Sabine Delorme. Sogar in Estland, so las sie, befasst sich in Tallinn eine Deutschlehrerin mit Gundermanns Texten. "In dieser Hinsicht sind wir Ansprechpartner", betont Wolfgang Meyer, früherer Vereinsvorsitzender.
"Immer auf Messers Schneide" heißt das Motto des Seilschafts-Treffens 2009. Es zieht Bilanz. Es weitet den Blick nach vorn. Die Ehrung von Gundermanns verstorbenem Weggefährten Bernd Nitzsche, Gespräche, Filme, Musik, auch ein Konzert mit der Band "Wortfront" und eine Stadtführung gehören zum Programm.
"2008 war ein gutes, erfolgreiches Jahr", sagt Wolfgang Meyer. Es gab das Vereinstreffen und drei Gundermann-Partys in Dresden, Tübingen, Berlin. Vor allem Tübingen faszinierte. Mitte Mai 2009 fuhr der Verein in die Niederlausitz. Samstag, zur Mitgliederversammlung, setzt sich der Verein neue Ziele. "Erinnerung an die Zukunft" soll ein Kalender heißen. Der Verein will ihn zum 55. Geburtstag Gundermanns 2010 herausgeben. Eine Gundermann-Party ist am 17. Oktober auf dem "Pfefferberg" in Berlin geplant. Würdig feiern will der Verein Gundis 55. Geburtstag am 21. Februar. "Er war ein positiv denkender Mensch. Jemand, der etwas zu sagen hatte. Ein Querdenker. Seine Lieder waren im besten Sinne Volkslieder", meint Norbert Schneider. "Ich bin mir sicher, dass Gundermanns Texte eines Tages auch in Englisch erscheinen", sagt Johan Meijer. "So was muss langsam wachsen. Seine Musik muss man tief und allmählich erspüren."
Sächsische Zeitung, 22. Juni 2009