Wie war das vor 18 Jahren, als wir erstmals den Tag der Einheit begehen sollten? Gab es da noch etwas zu feiern für kritische Geister? Damals sang Westernhagen: Die Verträge sind gemacht - Freiheit wurde wieder abbestellt.
Für Liedermacher á la Westernhagen und Grönemeier hat Heiner Kondschak allerdings wenig übrig. Sein Herz gehört der Poesie von Gerhard Gundermann. "Lebensmittel" nennt er sie. Obwohl in Niedersachsen geboren und aufgewachsen, verbindet den Tübinger Künstler mehr mit dem Ostdeutschen Urgestein aus dem Tagebau als nur das gleiche Geburtsjahr. Naivität, gepaart mit musischem Multitalent. Kreatives Chaos, verbunden mit dem tiefen Wunsch, das Publikum zu erreichen, die Verbindung herzustellen.
Das ist Kondschak und seiner Randgruppencombo an diesem 3. Oktober mit Gundis Liedern spielend gelungen. Unter den nahezu 400 Zuschauern im voll besetzten großen Saal des als LTT bekannten Landestheaters Tübingen befanden sich mindestens 45 Ossis. Vereinsmitglieder der nach dem frühen Tod des Liedermachers gegründeten Gundermanns Seilschaft e.V. hatten eigens einen Bus gechartert, der sie in den Südwesten brachte. So konnten sie als eine Art "Sonderausgabe" ihre üblicherweise alljährliche Party erstmals weit weg von zu Hause feiern. Party bedeutet jedoch nicht, in Fan-Nostalgie zu versinken, sondern Gundermanns politisches und musikalisches Erbe weiter zu tragen.
11 Tübinger Familien boten ihren Gästen aus dem Osten ein großartiges Willkommen und beherbergten sie für drei Tage. Dabei kam wieder so eine Atmosphäre auf, wie sie die älteren von ihnen bei ihren ersten Westbesuchen in Wendezeiten, also vor der offiziellen Vereinigung, gespürt hatten. Neugier aufeinander, Offenheit im Gespräch, Herzlichkeit.
Auf schwäbischer Seite lag die Vorbereitung des Programms in den Händen der Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters Monika Hunze. Sie war es auch, die Heiner Kondschak vor acht Jahren eine Kassette mit Musik des Lausitzers in die Hand drückte. Ihr Kollege war nach anfänglicher Skepsis ganz begeistert und trommelte, ganz dem Andenken an die legendäre Brigade Feuerstein aus Hoyerswerda verpflichtet, eine Band aus Laien zusammen. Alles, was ein Instrument halten konnte, wurde integriert. Da fanden sich dann neben den Schauspielern auch die Sekretärin und der Verwaltungsdirektor auf der Bühne zusammen.
"Immer wieder wächst das Gras", Kondschaks Stück über Gundermann und die DDR, schlug ein und war während der Spielzeit 2000/2001 ständig ausverkauft. Dann ging die Band auf Tournee und brauchte einen Namen. Auch hier stand Gundi Pate. Bei seiner Wilderer-Tour hatte er einst geäußert: "Wir sind doch nur eine Randgruppencombo."
Am Vereinigungstagsmorgen plaudert Kondschak über seine Skepsis vor den Auftritten im Osten und Erlebnisse mit den Fans. Zu Gast auf dem Podium beim "Frühstück für immer" sind neben ihm Thomas Flierl, ehemaliger Kultursenator von Berlin, und der Regisseur Richard Engel. Sie beleuchten die Kunstszene in der DDR und den Ost-West-Annäherungsprozess. Im Lokal des LTT stimmt die Chemie. Dazu trägt auch das zahlreich erschienene, aufgeschlossene Publikum bei.
Richtig eng wird es in der Werkstatt des Theaters, als Engel am Nachmittag seine Filme "Gundi Gundermann" (1981) und "Ende der Eisenzeit" (1999) zeigt. Zeitdokumente sowie Porträt eines Träumers und Idealisten zugleich. Filmwerke von unschätzbarem Wert. Die Tübinger Bildungsbürger sind erstaunt über so viel Offenheit und Kritik in der DDR. Der Regisseur genießt das über vier Stunden anhaltende Interesse an seinen Arbeiten. Und die Seilschafts-Freunde sind glücklich, dem Gundermann-Vertrauten nach einer Zeit des Schweigens wieder näher gekommen zu sein.
Während des abendlichen Konzerts im ausverkauften Haus stellt sich bei vielen Besuchern ein glückliches Hochgefühl ein. Der Hallenser Liedermacher Paul Bartsch und seine exzellenten Musiker sind den Tübingern noch unbekannt. Seine hintersinnigen Texte voller Bezug auf die derzeitige Gefühlslage mittelalterlicher Ostdeutscher scheinen manchem von ihnen doch recht fremd. Dennoch spenden sie herzlich Applaus.
Als dann Kondschak und seine acht MitstreiterInnen laut, gewaltsam und rebellisch loskrachen, wünscht man sich Platz zum Mitrocken. In dieser Interpretation wird Gundermann anklagend und aufrüttelnd. Hier wird das Unrecht herausgeschrieen. Hier steckt das Potenzial zum Widerstand. Harte Bläsereinsätze und ein schnelles Schlagzeug unterstützen den Eindruck. Klar, diese Musik wurde gemacht, um Jugendliche zu erreichen. Dass es gelungen ist, davon künden die vielen jungen Gesichter im Saal. Wenn die vier Frauen und fünf Männer aber "Fliegender Fisch" a cappella singen und leise, melancholische Töne anschlagen, ist auch ein erwachsenes Publikum vollauf begeistert. Die Glanzpunkte setzt bei diesem Konzert Folkgeigerin Tini. Gundermann-Poesie auf irische Melodien, das ist zum Zerfließen.
Ganz am Schluss gibt es noch eine Überraschung für die eingefleischten Tübinger Fans, die jeden Gundi-Text auswendig kennen. Die Randgruppencombo spielt ein neues Lied: "Alle oder keiner"! Noch singen nur die Ossis mit. Aber alle haben an diesem Tag der Einheit, 18 Jahre danach, etwas aus dem Osten gemeinsam erlebt.