Ein Tag vor dem 3.10.08, Feiertag der Wiedervereinigung, bricht der Gundermanns Seilschaft e.V. und einige Freunde nach Tübingen auf, um dort eine Gundermannparty zu gestalten.
Der Bus startet in Berlin, nimmt auf seiner Fahrt noch einige weitere Personen mit auf, und landet dann nach ca. 11 Stunden Fahrt in Tübingen, der Stadt am Neckar. Herzlich empfangen werden wir im LTT, dem Landestheater Tübingen. Mancher wird sich gefühlt haben wie bei einem Jugendaustausch, als jeder mit Namen aufgerufen wird, und in kleinen Grüppchen entweder einer Gastfamilie oder einer Pension zugewiesen wird. Nachdem sich jeder eingenistet hat, trifft man sich wieder zum gemeinsamen Abendessen. Auf den Tischen liegen Karten, auf denen außen ein Bild von Gundi und der Schriftzug „Gundermanns Seilschaft in Tübingen – Herzlich Willkommen“ aufgedruckt ist, darinnen verbilligte Preise für ein paar Gerichte und Getränke. Das erleichtert die Auswahl für die, welche mit einem Überangebot immer noch nicht zurecht kommen. Nach nettem Geplausche und Empfang weiterer verspätet angekommener Seilschaftler verteilt man sich auf die Heimstätten, morgen wird ein langer Tag.
Ich hole morgens ein paar Brötchen und lade mich zum Frühstück in eine andere Gastfamilie ein. Dort haben die Kinder der Gastmutter, welche nach ihrem Nachtdienst im Hospiz nun noch schläft, ein leckeres Frühstück mit Obstsalat und dem besten LatteMachiato gezaubert. Die 19-jährigen Zwillinge schaffen eine so lockere Atmosphäre, dass ich mich gleich wohl fühle und beschließe, die nächsten beiden Nächte auch dort zu weilen, was auch überhaupt kein Problem ist. Hier scheint fast nichts ein Problem zu sein. Angenehm.
Wir machen uns auf ins LTT, dort beginnt um 11 Uhr die Podiumsdiskussion „frühstück für immer“, bei der Heiner Kondschak, Sänger der Randgruppencombo, Dr. Thomas Flierl, der ehemalige Kultursenator von Berlin und Richard Engel, Regisseur von u.a. „Gundi Gundermann“ sich einigen Fragen über das weite thematische Feld „Ost-West, Wiedervereinigung“ stellen und manches über Gundi erzählen, was man so vielleicht noch nicht gehört hat.
Danach gibt es ein leckeres Buffet, und ab 14 Uhr werden Filme von Richard Engel sowie ein Film über die Randgruppencombo gezeigt.
Abends dann kann man sich über die Preispolitik des LTT amüsieren, wo jeder einen anderen Preis für sein Bier oder Wein bezahlt und mancher auch polnisches Wechselgeld bekommt. Plötzlich wird die Zeit knapp, bis das Abendprogramm, das Konzert der Randgruppencombo, beginnt, denn wir müssen noch Karten kaufen, und auch dort sind die Preise etwas undurchsichtig. Später dann lauscht man Paul Bartsch und seiner Truppe, die vor der Randgruppencombo auftreten, von dem „Balkon“ (der Tribüne) aus. Die Stimmung ist lahm, irgendwie erinnere ich mich daran, wie Heiner Kondschak morgens sagte, er könne mit so Liedermachern der Riege Reinhard Mey nichts anfangen. Und dann dieser. Trotz des lahmen Applaus' noch eine Zugabe, ich und auch manche Tübinger sind da einer Meinung: bei dem Konzert kam absolut nichts rüber. Nun gut, die Randgruppencombo macht dies natürlich dreimal wett, ein schönes rundes Konzert, bei dem man neben dem Mitsingen auch über die Besonderheit von Augenblicken ins Nachdenken kommen kann. Und eben über die Besonderheit von Personen wie Gundi oder Heiner Kondschak. Nach dem Konzert wird im Foyer in lockeren Runden zusammengesessen, auch Heiner Kondschak ist zum Gespräch bereit. Nachdem das LTT schließt, haben wir immer noch nicht genug und weilen noch einige Zeit vor dem Haus.
Am nächsten Morgen wache ich von frisch gesungenen Gundermann-Songs auf, Dieter Popp gibt unserer Gastfamilie noch ein Abschiedsständchen zum Frühstück. Die Gastmutter ist begeistert, und so zieht sich das Frühstück noch über einige Zeit hin, in der ich in angenehm interessanten Gesprächen unter anderem erfahre, wie sehr die Familie mit dem Theater verwoben ist. Auf diesem Wege kamen sie auch zur Randgruppencombo und zu Gundermann. Außerdem erfahre ich, wie die allein erziehende Mutter in der großen Wohnung auf Tübingens teurem Pflaster noch eine Studentin zur Untermiete wohnen hat. Das alles ergibt einen lockeren WG-Charakter, ständig klingelt das Telefon oder die Tür, andere Besucher kommen und gehen. Eine sehr herzliche Familie, bei der wir uns sehr wohl gefühlt haben.
Nach dem Frühstück geht jeder seiner Wege, ich fotografiere ein bisschen in der Stadt, die so hübsch aussieht, dass es fast schon wieder kitschig ist. Andere nehmen an dem Angebot einer Stadtführung teil; abends gibt es noch die Möglichkeit, sich ein aktuelles Theaterstück anzuschauen.
Am Sonntag geht es dann um zehn wieder los. Nach den endlosen Diskussionen mit dem Busfahrer können wir auch endlich losfahren. Das Spiel mit den Pausen von 15 oder 30 Minuten kennen wir schon, und so kommen wir zwar spät, aber doch irgendwann alle wieder zu Hause an; um einige Grade mag sich der Horizont erweitert haben.